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Neue Friedensbewegung?

Einfalt statt Zwietracht

Ein Betrunkener mit Frauen-Perücke, Imago-Zellen und Klaus, der Buddhist aus der NPD – auch in Regensburg gibt es seit ein paar Wochen eine neue Friedensbewegung.

Montag, 18 Uhr, Bismarckplatz: "Frieden und Earthships für alle."

Montag, 18 Uhr, Bismarckplatz: “Frieden und Earthships für alle.”

Es sind vielleicht 50 Menschen, die sich am Montagabend auf dem Bismarckplatz rund um das aus Teelichtern geformte Peace-Zeichen versammelt haben. Ein paar haben sich Schilder gemalt. Manche haben ihre Gesichter mit Blumenmustern verziert. Dazwischen tummelt sich ein offensichtlich sturzbetrunkener Mann mit blonder Damen-Perücke, der mal singt, mal auf die mitgebrachte Trommel hämmert, mal weint, mal lacht und mal die Veranstalter lautstark beschimpft. Doch alle bleiben ruhig, versuchen ihn zu beruhigen und einige von ihnen verteilen die bunten Flyer mit dem gemeinsamen Aufruf. Sie sind nämlich alle für den Frieden.

Von Kaufland-Tomaten und Medien-Lügen

Birgit und Robert von der Transition Town-Bewegung sind dafür. Ralf, der eine Metapher von der verpuppten Raupe und den Imago-Zellen erzählt. Hendrik, der „schon lang und gern in Regensburg wohnt, weil es hier so viele liebe Menschen gibt“ und der sich für „die Befreiung der Medien vom Zwang zum Lügen“ einsetzt. Ein Redner, der unter Beifall die Kaufland-Tomaten anprangert, weil „die nach nichts schmecken“. Für den Frieden sind sicherlich die Kinder, die mit bunten Kreiden das Kopfsteinpflaster bemalen. Und vermutlich auch Hans Söllner, dessen Lieder in den Redepausen immer wieder aus den Lautsprechern kommen. Markus, der sich wünscht, dass sich „die Menschen wieder mehr in die Augen schauen“ ist auch für den Frieden. Und ebenso Klaus (Name geändert), der „bekennende Buddhist“ aus der NPD.

IMG_0150Bei der CSU in Regenstauf sei er schon gewesen, erzählt Klaus mir, ohne, dass ich danach gefragt hätte. Bei den Linken und den Grünen. Und jetzt werde er Kreisvorstand bei der NPD Regensburg. Er wolle heute nichts am Mikro sagen, meint er. „Sonst wird das bloß parteipolitisch.“ Diese Haltung wird sich wenig später ändern.

„Daran kann doch nichts falsch sein.“

Denn als Nicole Bautista Benitez von Klaus’ Engagement für die Neonazi-Partei erfährt, ist sie den Tränen nahe. Die Erzieherin hat vor drei Wochen die erste „Mahnwache für den Frieden“ in Regensburg organisiert – vor dem Hintergrund der Situation in der Ukraine und von anderen Friedensdemos in Städten wie Berlin, Bonn oder Aachen. Sie sei „kein wirklich politischer Mensch“, sagt sie von sich und habe gedacht: „Daran kann doch nichts falsch sein.“

Doch es waren die, wenn man so will, „großen Vorbilder“, deren Ruf schnell auch auf die „Regensburger Friedensbewegung“ zurückfiel. So stehen professionelle Verschwörungsideologen wie Lars Mährholz, Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer an der Spitze „der Bewegung“ in Berlin Mehr dazu im Interview unten). Immer wieder werden Größen der NPD im Publikum gesichtet, zuletzt etwa in Frankfurt, wo die bayerische NPD-Spitzenkandidatin im Landtagswahlkampf, Sigrid Schüssler, sich ein Stelldichein gab.

Buh-Rufe und Applaus für NPD-Klaus

In Regensburg sorgt NPD-Klaus für heftige Debatten am Mikrofon, die ein älterer Herr, der anscheinend schon öfter dabei war, mit den Worten kommentiert: „Endlich mal was los hier.“

Was der ganze „Rechts-Links-Schwachsinn“ denn solle, meint ein Redner. „Wir sind keine Rechten und keine Linken. Wir sind keine politische Bewegung. Wir sind einfach für Liebe und Frieden.“ Man dürfe „diesen Faschisten hier keinen Raum zu lassen“, fordert dagegen ein anderer. Und ein dritter meint: „Dieser Mensch“ (Klaus, Anm. d. Red.) habe vielleicht die falsche Gesinnung, aber er suche doch auch nach dem rechten Weg.

NPD-Klaus: "Ich bin bekennender Buddhist." Foto: Witzgall

NPD-Klaus: “Ich bin bekennender Buddhist.” Foto: Witzgall

Als der Regensburger NPD-Chef in spe schließlich selbst ans Mikro tritt, von „Meinungsmache“ spricht, davon, dass es doch „scheißegal ist, bei welcher Partei man ist“, dass er bekennender Buddhist sei und mit einer Frau aus Rumänien verheiratet, drehen sich ein paar der Umstehenden weg, ein paar buhen und andere applaudieren.

Nicole Bautista Benitez schafft es dann doch, sich klar zu distanzieren. „Wir stehen für Vielfalt. Dafür steht die NPD nicht.“ Das gehe nicht zusammen. Und unter Tränen fügt sie hinzu: „Dann bin jetzt auch wieder eine, die spaltet. Das wollte ich eigentlich nicht.“

„Damit jeder den Frieden und die Liebe spürt.“

Es entspinnt sich eine Diskussion über Rechts und Links. Darüber, ob man nun politisch sei oder nicht. Dazwischen äußert Ralf (der mit den Imago-Zellen) immer wieder seine Freude darüber, dass man mit dem von der NPD ja doch ganz gut diskutieren könne.

„Parteien sind Spaltwerk“, sagt einer. „Lasst uns doch wieder zum Thema zurückkommen“, fordert ein anderer. Frieden und Liebe also. Nur das wolle man doch. Auf friedlichem Weg, eine „(R)evolution der Herzen“, wie es auf einem der mitgebrachten Schilder heißt. Am Ende, nach etwa drei Stunden, und vielfältigen Plattitüden, die verschiedene Redner noch zum Besten geben, kommt der Aufruf, doch einfach mal seinen Nebenmann zu umarmen. „Damit jeder den Frieden und die Liebe spürt.“ Am nächsten Montag will man sich wieder treffen.

IMG_0147Am Dienstag hat das Orga-Team der Mahnwache folgende Erklärung eines ihrer Mitglieder an die Medien verschickt, mit der Bitte, diese vollständig wiedergeben. Hier im Original-Wortlaut:

„Das heutige Treffen hat uns geholfen uns zu finden und einiges über uns zu lernen.
Wir sind nicht unpolitisch, wir sind Parteilos! Sobald wir an der Politik zweifeln, sind wir nichtmehr unpolitisch! Unpolitisch würde auch bedeuten dass wir alle Menschen, u.a. Nazis, bei uns tolerieren – Tolerieren wir aber nicht!

Diese Kontroverse, die heute ausgebrochen ist hat mich zu einem Schluss geführt:
Unsere Mahnwache ist links! Kriege vermeiden, Grenzen öffnen, Menschen nicht in Klassen teilen – Das sind alles linke Themen!

Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab, erkennen aber an dass es einen Unterschied macht, ob ein linker Black-Block Steine schmeißt oder eine Gruppe Nazis systematisch Menschen ermordet!

Hier ein Sorry an die Linken heute – ihr seid immer wilkommen und ihr seid uns 10000x lieber als die NPD oder der gleichen. Ihr hattet recht, ihr wisst besser wie rechte Unterwanderungen ablaufen, ihr befasst euch auch schon viel länger damit. Deswegen bitte ich euch, helft uns!

Wir in Regensburg glauben an keine Jüdische Weltverschwörung ect.
Auch wenn manche Redner in Berlin(!!!) dies Nahelegen.
Wir sind Regensburg und nicht Berlin!

Antifa, bitte leistet auch im Rahmen unserer Mahnwachen Antifaschistische Arbeit! Niemand im Orga-Team ist Rechts, Neurechts oder hat auch nur Ansatzweiße Rechte Tendenzen (Man kennt sich schon gut untereinander)

Steht uns mit Rat und Tat zur Seite, damit diese Bewegung eine linke Bewegung wird!

Das hier ist meine persönliche Meinung, aber ich denke dass ich im Namen aller Spreche. Sollte mir jemand widersprechen, so möge er sich zu Worte melden.

Danke“

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