Detlev, der Krieg und § 219: das war die Regensburger Kurzfilmwoche
Sitzen zwei Aliens in ihren gelben Strick-Einteilern bei der Gynäkologin. Was nach dem Beginn eines richtig schlechten Witzes klingen mag, ist tatsächlich eine der ersten Szenen von „Shut up and suffer“. Der 19-minütige Streifen von Emma Bading lief bei der diesjährigen Internationalen Kurzfilmwoche und versucht sich an einem gesellschaftlich hoch umstrittenen Thema auf äußerst humorvolle Weise. Schwere Themen, tiefgründige Gedankengänge und allerlei Bezüge zur Weltlage – daran mangelte es der Kurzfilmwoche (KuFi) nicht. Aber auch positive Emotionen kamen nicht zu kurz.

Die diesjährige Kurzfilmwoche ist zu Ende gegangen. Foto: Anna Liepelt
Da war etwa diese junge Frau, die irgendwo in der türkischen Hochebene unterwegs ist. Dass sie in ihr Heimatdorf zurückkehren will, um ihrem Vater nach vielen Jahren der Abkehr ein altes Tasteninstrument zurückzubringen, entspinnt sich erst allmählich. Im Zentrum von Selin Öksüzoğlus „Adieu Tortue“ steht die Begegnung mit einem Mädchen. In der an sich kargen Steppenlandschaft entwickelt sich so ein Roadmovie der etwas eigenwilligeren Art – und eine schöne Erzählung von ungeplanten Begegnungen zwischen Trauer und Verlust.
Ungeplante Begegnungen gehören bei der KuFi ohnehin dazu. Da plauderten in der vergangenen Woche rund um die Kinosäle zum einen natürlich die Zuschauerinnen und Zuschauer nach den jeweiligen Programmen über das eben gesehene. An anderen Stellen kamen aber auch immer wieder Filmschaffende miteinander ins Gespräch, tauschten sich aus, vernetzten sich. Das „Internationale“ trägt die Kurzfilmwoche nicht zu unrecht.
Wie ist es, als Kind im Krieg aufzuwachsen?
Das zeigte sich auch bei den „Q&As“, den Frage-und-Antwort-Runden nach den Programmen. Da war zum Beispiel Marcin Kundera. Der polnische Filmemacher begleitete 2023 zwei Jungs, 13 und 15 Jahre alt, einen knappen Monat durch ihren Alltag in Kramatorsk. Seine Frage, so erklärte er im Andreasstadel: Wie ist es, als Kind im Krieg aufzuwachsen, wie sieht Kindheit in der Ostukraine aus, gerade einmal wenige Kilometer von der Front entfernt?
Made of Sugar gewann den Kurzfilmpreis des BR.
Die Antwort darauf liefert Kundera in Form von nüchternen, unverstellten Aufnahmen. Vova und Roma, wie sie sich beim Autowaschen etwas Geld verdienen, wie sie sich damit dann Spielzeugpistolen kaufen. Vova und Roma beim Videochat mit russischen Soldaten über einen freizugänglichen Messenger. Eine Kindheit zwischen zerstörten Häusern, Seifenblasen und Kettenrauchen. Noch bis Mittwoch läuft „Clear Sky“ im Rahmen der Publikumslieblinge. Ebenso wie die Geschichte vom immer frierenden „Detlev“, dessen einziger Hoffnungsschimmer der allabendliche Toast-Hawai aus der Tankstellenmikrowelle ist.
„Made of Sugar“, der diesjährige Gewinner des Kurzfilmpreises, gestiftet vom Bayerischen Rundfunk, widmete sich wiederum einem deutlich ernsteren Thema. So muss die 30-jährige Maria feststellen, dass ihr Wunsch, Mutter zu werden, von ihrem Umfeld, alles andere als für gut befunden wird. Die spanische Produktion verhandelt das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper – und zwar für Menschen, die wie Maria eine geistige Behinderung haben. Ein Tabuthema, das Maria vermeintliche Grenzen überschreiten lässt.
Umdeutung eines rassistischen Mordes
Den von der BMW Group verliehenen Nachhaltigkeitspreis vergab die Jury dieses Jahr an die philippinische Filmemacherin Sam Manacsa. In „Cross my Heart and Hope to Die“ greift auch sie ein Thema auf, das eher selten Beachtung erfährt. Mila wird nicht für ihre Arbeit entlohnt. Die Ausbeutung verarbeitet sie schließlich bei einem Verehrer, der einfach nicht locker lässt.
Cross My Heart and Hope to Die gwann den Nachhaltigkeitspreis.
Den Kurzfilmpreis der Stadt Regensburg erhielt die iranisch-britische Produktion „A Move“, die sich der „Frau! Leben! Freiheit!“-Bewegung widmet. Den vom Kunstverein Weiden gestifteten Max-Bresele-Gedächtnispreis bekam „Eine einzelne Tat“. Darin spürt Constanze Wolpers strukturellem Rassismus in Deutschland nach. Entlang der Tötung eines Jungen in Celle legt sie offen, wie der Fall Stück für Stück während der Ermittlungen zur unpolitischen Einzeltat umgedeutet wird.
Von der Erfindung der Hausfrau
Alles andere als unpolitisch ging es also in den vergangenen Tagen in den Kinosälen zu. Da nahm sich auch „Kein Wunder“ nicht aus. Darin spüren Lia Sudermann und Simon Nagy der Erfindung der Hausfrau nach. Zehntausende Fotos im Fotoarchiv des Kunsthaus Graz hätten sie dazu durchforstet erzählte Nagy nach der Vorstellung dem Publikum. Fotos von den 1960ern bis in die 80er über Heim- und Hausarbeit seien es gewesen, die „das unsichtbare sichtbar machen“. Darauf aufbauend entstand ein elfminütiger Essayfilm, der zahlreiche Fragen aufwirft.
Warum eigentlich konnten gerade einmal zwei Stunden Arbeitszeit pro Woche eingespart werden, angesichts von allerhand technischer Geräte in den mitteleuropäischen Haushalten? 26 Stunden, so wird es im Film erklärt, seien es im Jahr 1900 gewesen, aufgeteilt auf mehrere Personen. 24 Stunden seien es heutzutage, meist geleistet von einer einzigen – einer Hausfrau.
Kurzfilmpreis der Stadt Regensburg: A Move.
„Offiziell waren das alles Pressefotos“, sagte er über die rund zehntausend für den Film letztlich verwendeten Fotos. Er sprach von „Medienproduktion als Propaganda“, als Form der Ideologie im Sinne des produzierenden Charakters und zur Etablierung der Kleinfamilie. Und so dominieren im Film glückliche Hausfrauen das Bild, die meist alleine ihrer routinierten Arbeit nachgehen. Der Mann hingegen existiert vor allem in Männerrunden, in denen man sich gegenseitig bestärkt, auszeichnet, ehrt und als die Produktivkraft der Gesellschaft gilt.
Frauen hätten heute natürlich mehr berufliche Möglichkeiten, sagte Nagy. „Das Versprechen, der Eintritt in die Erwerbsarbeit sei die Befreiung von Hausarbeit, das hat sich aber nicht erfüllt“, sagte Nagy. Der Wohnraum bleibe eine „künstliche Beschränkung“ und Hort der ideellen Kleinfamilie. Die Frau bleibe für die Hausarbeit zuständig.
Sonderprogramm „§ 219“
Apropos Familie. Von diesem Vorhaben haben sich die beiden Aliens in ihren gelben Strickanzügen nach reiflicher Überlegung doch verabschiedet. Ihre „Zellansammlung mit potenzieller Lebensfähigkeit“ würden sie der Gynäkologin deshalb gerne zurückgeben. Es beginnt ein Spießrutenlauf durch die Bürokratie, verfolgt von Abtreibungsgegnern.
Der Film „Shut up and suffer“ lief zusammen mit zwei weiteren Filmen am ersten Festivalwochenende im Sonderprogramm „§ 219“. Damit bezog das Festivalteam in der Debatte um den Schwangerschaftsabbruch-Paragrafen klar Position. Eine von Grünen und SPD angestrebte Gesetzesänderung dürfte nach dem Ampel-Aus und bevorstehender Union-SPD-Koalition erst einmal vom Tisch sein.
Damit bleibe auch die Situation für ungewollt Schwangere in Deutschland weiter schwierig, war sich die an die Filme anschließende Gesprächsrunde mit den drei Filmemacherinnen von Shut up and Suffer“, „9 Tage im August“ und „Vorbeirauschen“ einig. Dabei ging es darum, dass Fehlgeburten zum Beispiel deutlich häufiger passierten, als vielen bekannt sei. Auch postnatale Depression spiele für Frauen eine Rolle. Über diese Dinge werde aber viel zu wenig gesprochen, wenn es um Schwangerschaft als solche gehe.
Männer und Schwangerschaftsabbruch
Bezüglich Abbruch seien es dann aber gerade auch Männer, die „da eine ganz starke Meinung zu haben“, sagte eine der Filmemacherinnen und dachte dabei an so machen Unionspolitiker. Mehr Aufklärung brauche es, gerade auch für (junge) Männer. Die müssten zudem mehr Verantwortung übernehmen, wenn es um ungewollte Schwangerschaften geht.
In den obligatorischen Beratungsgesprächen sehe sie meist nur die Frauen, erzählte Claudia Alkofer von Pro Familia Regensburg. Auch deshalb sei die dreitägige Bedenkzeit eigentlich „heuchlerisch“. Denn, „um es sich gut überlegen zu können“, dafür sei meist gar keine Zeit. „Da gibt es auch keinen Raum für Gefühle oder Liebe.“ Dabei, und damit beschäftigte sich das Sonderprogramm, könne sehr wohl eine Emotion zum Fötus aufgebaut werden und Menschen sich trotzdem bewusst für den Schwangerschaftsabbruch entscheiden. „Bis später“, sagt passend dazu die 18-jährige Lea am Ende von „9 Tage im August“. Es sei eben noch nicht Zeit gewesen.
Ein Wiedersehen gibt es definitiv für die Kurzfilmwoche. Die Arbeit für das Festivalteam beginnt demnächst von vorne. Damit auch bei der 32. Ausgabe im kommenden Jahr Cineastinnen und Cineasten ungeniert eine Woche lang die Kinosessel dauerbesetzen können und Filmschaffende aus aller Welt in Regensburg seltene Einblicke über Entstehungsprozesse, Ideenfindungen und so manches andere geben.
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